Der Schweizer Aktienmarkt hat seit dem 1.Juni 2007 mehr als 20% eingebüsst. Kein Wunder, gehören kotierte Indexfonds (Exchange Traded Funds, ETF), die auf fallende Kurse setzen, seit Jahresbeginn zu den Gewinnern. An europäischen Börsen sind derzeit achtzehn sogenannte Short ETF kotiert, und für einmal waren die Europäer den Amerikanern voraus: Der weltweit erste Short ETF wurde von Xact Fonder, einer Tochter der Svenska Handelsbanken, bereits im Februar 2005 lanciert. Proshares emittierte in den USA den ersten Short ETF im Sommer 2006.
Europäische Anbieter wie Deutsche Bank (DB), Société Générale (SGAM) und Lyxor, eine Tochter der französischen Grossbank, bieten erst seit 2007 Short ETF an. Die beiden X-Trackers der DB auf den Dax und den Euro Stoxx50 vereinen jeweils bereits mehr als 250 Mio. Euro Neugeld auf sich. Alle grossen Emittenten haben mindestens einen Short ETF auf den französischen Aktienindex Cac40 im Angebot. Auch auf den Euro Stoxx50 gibt es mehrere Short ETF.
SGAM bietet auf die jeweiligen Indizes Short ETF mit unterschiedlichen Partizipationsraten an: Der SGAM ETF Bear weist eine Rate zwischen 50 und 100% auf, der SGAM XBear eine zwischen 150 und 200%. Sie werden quartalsweise festgelegt. Quasi aktiv verwaltete Short ETF sind weniger geeignet zur Portfolioabsicherung, da sich das Short-Exposure von Quartal zu Quartal markant verändern kann.
Short ETF ohne Leverage (Fremdfinanzierung) reflektieren in der Regel die inverse Tagesveränderung des zugrundeliegenden Index. Sinkt der Index 1,5%, steigt der Short ETF 1,5%. Durch den Kauf eines Short ETF werden mit einer einzigen Transaktion die Titel des Referenzindex leer verkauft. Investoren können so das Marktrisiko des Portfolios unkompliziert absichern oder auf eine Baisse wetten.
Privatanleger bevorzugen Short ETF gegenüber dem Einsatz von Derivaten oder dem Leerverkauf von Aktien. Das hängt mit dem begrenzten Verlustrisiko zusammen. Werden Aktien leer verkauft, sind die Verluste theoretisch unlimitiert.
Ein weiterer Vorzug der Instrumente ist, dass ihr Preis – im Gegensatz zu Optionsstrategien, die ebenfalls auf eine Portfolioabsicherung oder auf fallende Märkte zielen – nicht von der Volatilität und dem Zeitwert abhängig ist. Zudem ist die Laufzeit von Short-ETF unbegrenzt, während Optionen und Futures verfallen und somit Rollverluste riskiert werden.
Die Grafik zeigt die Entwicklung des X-Trackers auf den Shortdax im Vergleich zu Shortdax und Dax. Er ist gemessen an der Marktkapitalisierung der bedeutendste Short ETF in Europa. Der Dax hat vom 2.Juli 2007 bis zum 2.September 2008 18% verloren. Der Shortdax erzielte in der Periode eine Rendite von 27%. Weshalb schnitt der Shortdax rund 900 Basispunkte besser ab als die inverse Veränderung des Dax? Die Differenz lässt sich mit den Zinszahlungen in Höhe des doppelten Tagesgeldsatzes erklären, die aus der Short-Strategie resultieren. Doppelt deshalb, weil der Emittent das Geld nicht in Aktien investieren muss und die im Index enthaltenen Aktien leer verkauft. Dadurch entsteht ein doppelt so hoher Cash-Bestand. Er kann im Geldmarkt angelegt werden und generiert so eine doppelte Verzinsung.
Die Performance des X-Trackers auf den Shortdax weicht rund 130 Basispunkte vom Shortdax ab, was vor allem mit den Verwaltungskosten des ETF zusammenhängt. Es gilt also zu beachten, dass die Entwicklung eines Short ETF über einen längeren Zeitraum nicht exakt der inversen Veränderung des Index entspricht.
Short ETF eignen sich in erster Linie zur kurzfristigen Absicherung von Aktien, die der Anleger nicht verkaufen will. Mit Short ETF wird das Portfolio aber nur gegen das Marktrisiko geschützt. Wenn sich das Portfolio anders als erwartet bewegt respektive gemessen am Index ein positives oder negatives Beta aufweist, muss das entsprechend berücksichtigt werden, indem mehr (höheres Beta) oder weniger (tieferes Beta) Short ETF gekauft werden. In Short ETF sollte nie nach der Devise Buy and Hold investiert werden.
Die Wahl des richtigen Zeitpunkts für den Einstieg in Short ETF ist schwieriger als in Long-Investments. Hinzu kommt, dass Short ETF mit einer Total Expense Ratio (Ter, sämtliche Kosten des Anlegers) zwischen 0,4 und 0,6% teurer sind als Aktien-ETF (0,15 bis 0,4%). Im Baissemarkt der vergangenen Monate hätten stolze Gewinne erzielt werden können. Wer aber hat vor einem Jahr vorausgesehen, wie tief die Aktienmärkte fallen würden? Gegen den Markt zu setzen, bedingt eine überdurchschnittliche Risikofähigkeit.
Quelle: Finanz und Wirtschaft, 6. September 2008







